Gut zwei Jahre ist es nun her, dass Julia ihr Abitur an einer Berliner Schule gemacht hat – zwei Jahre, in denen sie sich in unterschiedlichen Bereichen für gesellschaftliches Engagement geöffnet hat. Den Entschluss, sich ehrenamtlich einzusetzen fasste Julia, als sie nach dem Abi für ein Jahr als Au-pair in Frankreich war und einer vergleichsweise gut situierten Familie zur Seite stand. „Ich habe mich gefragt, was ich der Gesellschaft bei meiner Arbeit als Au-pair zurückgegeben habe und für mich gemerkt, dass ich mich gerne auch in anderer Weise engagieren möchte“, berichtet sie. Statt direkt ein Studium aufzunehmen, entschied sie sich also dafür, halbtags in einem kleinen Café zu arbeiten und einen Großteil der verbleibenden Zeit mit gesellschaftlichem Engagement zu verbringen.
Zu den ersten Aufgaben, die sich Julia vornahm, gehörte die Mitarbeit im Ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche e.V. Hier half sie im Programm der Welcome Baby-Bags und packte Erstausstattungstaschen für Mütter und Familien, um ihnen in anspruchsvollen Situationen einen selbstbestimmten Neustart mit ihrem Baby zu erleichtern. Daneben engagierte sie sich bei einem Krankenhausbesuchsdienst, um Patient:innen auf verschiedenen Stationen des Berliner Sankt Hedwig Krankenhauses bei ihrem Klinikaufenthalt beizustehen. Ein Beratungsgespräch in der FreiwilligenAgentur Pankow hat ihr außerdem den Kontakt zum Projekt Circle of Hearts gebahnt – der Initiative einer Privatperson, die ukrainischen Familien an Wochenenden ihr Atelier zur Verfügung stellt. „Hier gibt es Raum für kreativen Austausch bei Töpfern, Holzschnitzarbeiten oder Yoga. Die Familien finden hier einen Ort zum Sich-Ausleben, zum Zurückziehen und einfach sein“, erzählt Julia.
Beeindruckt ist sie neben den Angeboten auch davon, dass sich das Projekt ohne staatliche Förderung vollkommen aus Privatmitteln trägt, denn bei ihren Einblicken hinter die Kulissen ehrenamtlicher Arbeit hat sie gemerkt, wie prekär die momentane Lage für manche Projekte und Einzelpersonen ist. „Die Kürzungen im sozialen Bereich erschrecken mich. Wie soll eine demokratische Gesellschaft überleben, wenn die Grundpfeiler nicht gewährleistet sind“, fragt sie kritisch.
Auch wenn Julia für sich noch keine Lösung für das Problem gefunden hat und noch dazu erlebt hat, dass gerade unter Gleichaltrigen oft wenig Offenheit für unentgeltliches Engagement besteht, versucht sie ihr Möglichstes, um den Tendenzen entgegenzuwirken. Dazu gehören auch die vielen kleinen Gespräche, die sie mit jungen Erwachsenen aus ihrem Umfeld, die oft den direkten Weg ins Studium gewählt haben, über ihren etwas anderen Alltag führt. Um ihr Anliegen zu verbreiten, unterstützt sie auch die FreiwilligenAgentur Pankow in der Öffentlichkeitsarbeit und findet beispielsweise Freude daran, Instagram-Posts zu Engagement-Möglichkeiten mitzugestalten, um dadurch vor allem jüngere Menschen zu erreichen.
In dem zurückliegenden Jahr des intensiven und vielfältigen Engagements ist Julia selbst um viele Erfahrungen bereichert worden. Zum einen hat sie beim Schnuppern in weitere Projekte gelernt, ganz offen und ehrlich zu kommunizieren, wenn Struktur und Konzept einer Tätigkeit mal nicht mit ihrer Lebenssituation, ihren Kapazitäten oder ihren Werten zusammenpassen. „Dann ist es manchmal besser, die eigene Energie anders zu fokussieren“, so ihre Erkenntnis. Vor allem aber haben die vielen Begegnungen, von denen sie Teil sein durfte, bleibenden Eindruck hinterlassen: „Ich habe gemerkt, dass ich durch das Engagement mit Menschen in Kontakt gekommen bin und Gespräche geführt habe, mit denen ich niemals in meinem privaten Umfeld in Berührung gekommen wäre. Dieses Jahr hat mich sehr geprägt in meiner persönlichen Entwicklung, weil ich so vielfältige Erfahrungen gesammelt habe und nun weiß, wo ich hinmöchte“, berichtet sie.
Die gesammelten Einsichten haben sie letztlich auch darin bestärkt nun ein Studium aufzunehmen, dass sowohl mit einem Bachelor of Arts als auch mit einen Bachelor of Science abgeschlossen werden kann. Das Konzept erlaubt ihr, in unterschiedlichen Fachbereichen zu wachsen und zu lernen, bevor sie sich für eine Profilbildung entscheidet. „Ich erhoffe mir dadurch eine gute Bildungserfahrung und einen guten Weltüberblick, für den Universitäten auch ursprünglich standen“, erklärt sie. Für dieses Studium zieht es Julia in die Niederlande. „Ich bin etwas traurig, dass ich einen Teil von mir hier in Berlin zurücklasse, weil ich mich das letzte Jahr hier so sehr weiterentwickelt habe“, erzählt sie nachdenklich und gleichzeitig mit Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt. Dort, wo es machbar ist, wird sie ,ihren‘ Projekten jedoch erhalten bleiben und so möchte sie die FreiwilligenAgentur Pankow auch weiterhin aus der Ferne bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen. Und sobald es ihr neuer Alltag zulässt, möchte sie natürlich schauen, wo sie sich in ihrem neuen Wohnort regelmäßig einsetzen und etwas bewirken kann.
Vielen Dank für Dein Engagement, Julia!
I.W.
